„Schrei nach Liebe“

Besuch der Ambiente 2019

Die „Ambiente“, die internationale Konsumgütermesse in Frankfurt, liegt nun ein paar Tage zurück, dennoch lohnt es, das ganze noch einmal Revue passieren zu lassen. Was war da denn los? Bzw. wieso gab es dieses mal fast nichts Neues zu sehen?

Das ganze ist natürlich nur ein Scherz. Natürlich gab es viel Neues - nur sah diese Jahr fast alles vermeintlich alt & benutzt aus. Fast jeder 2. Stand war durchwebt mit dem gleichen Grundthema: Aus-neu-macht-alt, Vintage 2.0, Shabby-Chique 5.0 oder "der größte (fake) Flohmarkt der Welt liegt dieses Jahr in den Messehallen am Main“. Ja so war es – die meisten Exponate im Bereich Interior Design wirkten in der Tat wie Fundstücke vom Trödelmarkt. Kleine Juwelen mit liebevoll-individuellen Abnutzungen. Ob sie tatsächlich alt waren oder nur gut gemachte Kopien vergangener Tage liess sich nicht immer zweifelsfrei sofort erkennen. Doch wurde man den einen Gedanken nicht los: Oh weh, welche armen Hilfsabeiter in Drittwelt-Ländern mussten all' diese Möbel & Accessoires auf alt schrubbeln? Und wo kommt denn eigentlich all dieses zauberhafte Strandgut her? (Wo man doch weiß, dass die meisten Strände inzwischen eigentlich nur noch mit angeschwämten Plastikmüll zu kämpfen haben.) Man hatte dennoch tatsächlich manchmal das Gefühl, dass man nicht durch hessische Messehallen lief, sondern gerade über einen Flohmarkt in Paris, Amsterdam oder Tongeren in Belgien flanierte.
Das ganze fühlte sich in der Tat auch ziemlich „undeutsch" an. Das lag natürlich daran, dass eine Vielzahl der Aussteller aus den Niederlanden oder Skandinavien kamen. Aber das wurde dieses Jahr besonders deutlich, da der Stil dieser Länder so ganz anders ist als in Deutschland. Ein Land, das inneneinrichtungs-technisch in Bezug auf Vintage-Exponate deutliche Mankos aufweist. Denn das wirklich grosse deutsche Manko ist: es gibt fast nichts wirklich Altes auf unseren Flohmärkten. Leider wahr: „unsere“ Flohmärkte sind im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wirklich ziemlich dröge und ich vermute, dass unser Wirtschaftswunder daran Schuld trägt. Alles Alte wurde damals stolz weggeschmissen und rasch durch Plastik und Vergängliches ersetzt. Die Wende hat in Deutschland zwar noch besondere DDR-Exponate und Kurioses auf die Märkte gespült … aber den Charme „der guten alten Zeit“ vermisst man stets. 

Und gerade in Zeiten wirtschaftlichicher Instabilität wird der Wunsch nach just dieser immer lauter. (Das gleiche gilt natürlich auch für die Automobilbranche, in denen der Wunsch nach Sicherheit derzeit exzessiv mit Privat-Panzern, den SUVs, kompensiert wird.) Wertigkeit, Haltbarkeit, Stabilität und, ja sogar Liebe (!!!) werden durch ein paar abgerockte Möbel psychologisch erstaunlich überzeugend simuliert. Omas guter alter Krämerladen, in dem es noch keine Geschmacksverstärker oder Konservierungsmittel gab, der wurde hier Disneyland-gleich nachempfunden.

Es war ein Fest der Stylisten (die sich aber & leider fast alle gegenseitig kopierten): leckeres Essen auf den eigentlich angepriesenen Tellern, frischgebackene Kuchen, verwittertes Holz/alte Holztische & -möbel, eine Vintage-Vespa – direkt aus der Scheune, versteht sich, gedeckte Tafeln für ein herannahendes, opulentes Gelage, Nippes, Dippes & Dekororgien … der einsam dekorierte Apfel reicht seit Langem nicht mehr aus, der Plastik-Bonsei darf nur noch genant in der hintersten Ecke sein Plätzchen finden – alle hippen 60er Jahre Pflanzen, Monstera & Co, wohnen nun stolz in der 1. Reihe eines jeden Standes um trendgerechte Dschungel zu simulieren. (Ein inzwischen Mainstream-Trend, den selbst Blume2000 erfolgreich zu vermarkten weiß.)

Trendfarbe des Jahres 2019 ist, wenn man verschiedenen Quellen, und v.a.D. Pantone LLC, Glauben schenkt: leuchtendes „Koralle" … was eigentlich verwunderlich ist, da in den Highstreets Londons diese Farbe bereits vor über 2 Jahren bis zum modischen Erbrechen abgefeiert wurde. Wenn man hingegen der „Ambiente" folgt, waren fast alle gefeatureten Trendfarben gedeckte, natürliche und möglichst einschmeichelnd und harmonisch aufeinander abgestimmte Schlamm- und Pudertöne. Inszeniert wurden die meisten Messestände im beruhigenden Schwarz und Dunkelgrau oder royalem – Geldsicherheit-gewährendem – Purpur oder Tannengrün. Seelenpflaster, alte Bauernstuben und schicke, opulente Budoir-Salons vergangener Epochen.

Passend zum Vintage-Look war natürlich auch, dass sich viele Aussteller einen speziell gewählten, teueren Bodenbelag gleich sparen konnten. In diesem Jahr wurde diese Ausstellungsbaukompontente einfach weggelassen. Denn was passt schließlich besser zum diesjährigen Massen-Vintage-Motto als der bereits stark abgenutzte Betonboden der Frankfurt Messehallen - mit all mit seinen Metalfugen und alten Markierungen? Hervorragend - Haken drunter! Mal schauen, ob sich der Trend im nächsten Jahr noch weiter fortsetzt. Wäre schön, wenn wir auch den CO2-Fußabdruck vergangener Jahrzehnte wieder herbeizaubern könnten. Vielleicht erwarten uns stattdessen aber live-Bäcker – so wie in den hippen Biobackstuben Berlins – oder echter Grasboden – back to „unberührte Natur“ and a healthy planet Earth – eine schöne Scheinwelt allem Konsumwahn der Ambiente zum Trotz. In diesem Sinne: Happy Shopping!